Kreis Minden-Luebbecke

Schnellmenü

Inhaltsbereich

Flüchtlinge im Mühlenkreis - Ankommen und Leben in Minden-Lübbecke

Auch im Kreis Minden-Lübbecke bleiben Menschen, die in Deutschland Schutz vor politischer Verfolgung, Krieg oder Vertreibung suchen, auf längere Zeit oder auf Dauer. Zwei Kontaktpersonen für diese Menschen sollen hier exemplarisch vorgestellt werden.

Kameran Ebrahim (42 Jahre), Dolmetscher, kommt ursprünglich aus Syrien. Er lebt seit 1991 in Deutschland, ist Vorsitzender des Integrationsrates der Stadt Minden und arbeitet seit Januar 2015 gemeinsam mit dem Quartiersmanager im Mindener Stadtteil Rodenbeck, in dem viele Flüchtlinge leben.

Sewin Aro (30 Jahre), kommt ebenfalls aus Syrien. Sie lebt seit 1990 in Deutschland und hat in Minden Architektur studiert. Seit November 2014 arbeitet sie als Assistentin in der Flüchtlingsarbeit.

Mobilitätsprobleme im ländlichen Raum

Für die Flüchtlinge ergeben sich im ländlichen Raum häufig Mobilitätsprobleme. Teilweise sind die Behörden bis zu 15 km entfernt. Über Ehrenamtliche werden Fahrdienste zur Ausgabestelle der örtlichen Tafel organisiert und es werden Mitfahrgelegenheiten zur Ausländerbehörde verabredet. Es wird versucht, die Menschen mit Fahrrädern auszustatten, und auch der Öffentliche Personennah-verkehr setzt Taxibusse ein.

Zur Unterstützung der Mobilität trägt auch die Verkehrswacht Minden bei: Menschen aus Ländern wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan sind hier plötzlich mit strengeren Verkehrsregeln und Sicherheitsvorschriften konfrontiert. Um die Verkehrssicherheit für die Menschen zu erhöhen, werden Schulungen am Fahrradsimulator und auf dem Verkehrsübungsplatz durchgeführt.

Interview mit Karem Ebrahim und Sewin Aro

Entscheidend ist, dass die Menschen über die vorhandenen Angebote informiert sind und möglichst frühzeitig beraten werden. In den Städten und Gemeinden des Kreises gibt es Ansprechpersonen, die Informationen bündeln und Probleme an die zuständigen Institutionen übermitteln.

Karem Ebrahim und Sewin Aro haben im Gespräch mit Veronika Kurpierz, Ansprechpartnerin des Amtes proArbeit Jobcenter für die Themen Integration und Migration, im Sommer 2015 ihre Arbeit vorgestellt und über Probleme und Wünsche gesprochen.

Was sind Ihre Aufgaben? Wie arbeiten Sie mit den Flüchtlingen zusammen?

K. E.: Im Rahmen des Quartiersmanagement bin ich die Schnittstelle zwischen den Menschen, die bereits im Stadtteil leben, der Verwaltung und den Flüchtlingen, die neu in den Stadtteil kommen. Meine Aufgabe ist es, die Menschen im Quartier zusammenzubringen, Vorurteile abzubauen, Konflikte und Ängste beider Seiten zu vermindern. Das ist quasi ein 24-Stunden-Job. Ich bin über Handy quasi immer erreichbar. In unserer Community würde niemand, der eine Frage an mich hat, verstehen, wenn ich sagen würde: Heute ist Sonntag, heute kann ich die Frage nicht beantworten.
S. A.: Meine Aufgabe ist die aufsuchende Arbeit. Die ankommenden Menschen werden von mir besucht. In einem ersten Gespräch werden ihre Fragen und ihre individuelle Situation besprochen, besondere Schwierigkeiten thematisiert. Dabei haben wir beide -mein Kollege und ich- den Vorteil, dass wir häufig schon die Begrüßung in der bekannten Sprache vornehmen können. Das ist eindeutig ein guter Start für ein vertrauensvolles Gespräch. Als Frau bin ich lieber über Diensthandy während meiner Arbeitszeit erreichbar.

Wie sieht das Schnittstellenmanagement konkret aus?

K. E.: Montags und freitags haben wir zusammen mit einer Ehrenamtlichen aus dem Libanon ein Frauenfrühstück in der Beratungsstelle organisiert. Teilnehmerinnen sind Frauen aus dem Jemen, Libyen, Syrien und Frauen, die schon lange im Stadtteil leben. Ich möchte Institutionen und Menschen im Stadtteil vernetzen. Wir organisieren zum Beispiel auch gemeinsame Feste. Im Februar fand in der evangelischen Kirche eine Willkommensfeier statt, an der unter anderem Flüchtlinge aus dem Irak, aus Syrien und aus anderen arabischen Ländern teilgenommen haben. Anwesend waren auch ehrenamtliche Bürgerinnen und Bürger sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung. Die Reden, die gehalten wurden, habe ich übersetzt.

Was ist Ihr Hauptziel?

S. A.: Mir ist es wichtig zu vermitteln, dass es möglich ist, die eigene Kultur zu ehren und trotzdem einen gemeinsamen Nenner zu finden und integriert zu sein. Dafür müssen gegenseitige Ängste abgebaut werden und auch miteinander gesprochen werden: Was bedeutet Integration? Meine persönliche Sicht von Integration ist: Ich spreche die deutsche Sprache, habe hier eine Berufsausbildung absolviert. Ich habe deutsche Bekannte und fühle mich integriert. Wenn Menschen, die in Deutschland geboren sind, über Integration sprechen, dann höre ich öfter: „Die trägt ein Kopftuch, oder die darf nicht mit einem deutschen Jungen befreundet sein, also ist sie nicht integriert.“ Unterschiedliche Sichtweisen des Themas „Integration“ möchte ich bewusst machen. Wichtig ist es doch, nicht nur äußerlich angepasst zu sein.

Wo sehen Sie Probleme? Was wünschen Sie sich?

K. E.: Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Die Flüchtlinge verbringen erst einige Zeit in Deutschland, bevor sie unterstützt werden, die Sprache zu erlernen. Damit ist schon einige Zeit vertan. Gleichzeitig benötigen viele der Menschen auch Zeit, bevor sie sich mit anderen Herausforderungen -auch Sprache erlernen- beschäftigen können. Sie kommen aus Kriegsgebieten und sind zum Teil stark traumatisiert.
S. A.: Hilfestellung für traumatisierte Personen ist aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse problematisch. Sprachkundige Therapeuten gibt es vor Ort nicht genügend. Eine junge Frau sagte mir, dass sie die Erlebnisse darüber verarbeitet, dass sie abends weint, oder mit anderen spricht.
K. E.: Probleme gibt es auch mit Behördenbriefen. Das  ist für die Flüchtlinge kaum zu bewältigen. Fristsetzungen in den Briefen erschweren die Situation. In den Herkunftsländern sind sie es häufig nicht gewohnt, so viele Briefe zu erhalten. Also legen sie die Briefe in eine Ecke auf einen Stapel. Dadurch kommt es häufig zu Problemen.
S.A.: Ich wünsche mir mehr Integration im Bereich der jungen Menschen. Für die Jugendlichen bis 17 Jahren haben wir beispielsweise das Jugendzentrum. Für die Frauen das Frauenfrühstück und für die Männer wollen wir eine Boulebahn anlegen. Für die Jüngeren ab 20 Jahren fehlen uns deutsche Gleichaltrige als Gegenüber. Ganz aktuell gibt es zum Glück Anfragen von Sportvereinen zum gegenseitigen Kennenlernen.
K. E.: Auch die örtlichen Feuerwehren wollen wir auf diese Personengruppe ansprechen. Es gibt noch einiges zu tun.