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17.12.2021

Kurz nachgefragt - Bildung entdecken

Viola Schneider – Theaterpädagogin des Stadttheaters Minden im Interview mit dem Bildungsbüro

 

 

 

 

1. Die Berufe „Schauspieler*in“ und „Lehrer*in“ finden sich nach einer Studie von 2018 noch immer in der Top 10 der Traumberufe von Kindern. Ist das Arbeitsfeld der Theaterpädagogin vielleicht ein Kompromiss aus den beiden Berufswünschen?

Spannend! Tatsächlich vereint das Berufsfeld „Theatervermittlung“ Aspekte aus beiden Berufsfeldern und lässt dabei manche schwierigen Aspekte der Arbeitsbereiche aus. Kompromiss hört sich nach „Notlösung“ an, dabei finde ich, dass gerade in der Theaterpädagogik einige Highlights aus beiden Berufswelten aufeinandertreffen. Im Mittelpunkt der theaterpädagogischen Arbeit müssen für mich sowohl die Teilnehmenden (eines Workshops, eines Projektes, einer Inszenierung) und ihr Weg, sich mit dem Theater auf vielfältige Weise auseinanderzusetzen stehen, als auch das Theater als Handwerk und Kunstform mit all seinen unterschiedlichen Facetten an sich. Wichtig ist dann auch eine fundierte Aus- und Weiterbildung, die Theatervermitller*innen dazu ermächtigt, ihre Begeisterung für das Theater zu teilen und weiterzugeben.

2. Wenn du deine Arbeit in drei Musiktiteln beschreiben müsstest – welche wären diese und warum gerade diese Songs?

Das ist nahezu unmöglich, weil die Arbeit auch so von Musik geprägt ist. Mit dabei wären auf jeden Fall:

RuPaul: Adrenaline – weil es gut den Moment beschreibt, bevor es raus auf die Bühne geht. Das Herz klopft, ich habe meinen Text vergessen, das Publikum wartet, ich bin total konzentriert. Und dann mache ich diesen einen Schritt ins Scheinwerferlicht.

Iggy Pop: Lust For Life – weil der Song eine so ungeheure Energie und Lebensfreude versprüht. So ging es mir auch, als ich nach dem langen Lockdown zum ersten Mal wieder Gruppen im analogen Raum getroffen habe und als das Theater wieder mit Publikum gefüllt war

Queen: Bohemian Rapsody - mehr Drama ist immer gut.

3. Nicht nur in Zeiten von Corona – „die“ Kulturszene der Jugendlichen assoziiert man mit digitalen Orten wie You Tube, TikTok oder Netflix – wird es in 20 Jahren das Theater noch geben?

Unbedingt! Ich glaube fest daran, dass Theater immer einen Platz im Herzen der Gesellschaft haben wird. Allerdings wird es sich verändern – was auch gut und richtig ist, will es sich dem selbstgestellten Anspruch, Themen des aktuellen Zeitgeschehens zu verhandeln und ästhetisch zu reflektieren, stellen.

Wäre ich vor drei Jahren gefragt worden, ob ich mir vorstellen könnte, ein digitales Theaterprojekt durchzuführen, wäre ich vermutlich sehr zögerlich gewesen. Mittlerweile gehört das zum theaterpädagogischen Alltag. Viele Theater wissen die Social Media zu schätzen und für sich zu nutzen: Theater und Digitalität ist an vielen Häusern schon lange ein Thema, nicht nur im Bereich Marketing, sondern auch bezüglich der ästhetischen Praxis. Die pandemiebedingten Notwendigkeiten haben uns einen großen Schub bezüglich der Weiterentwicklung und Verankerung digitaler Formate gegeben, sowohl was die Möglichkeit betrifft, Vorstellungen zu streamen, Online-Workshops und digitale Führungen anbieten zu können, als auch die netzbasierte Kommunikation mit unserem Publikum. Dennoch ist nicht zu unterschätzen, dass viele Kinder und Jugendliche (und auch Erwachsene) große Sehnsucht nach einem haptischen Ort des Austauschs und des sich Ausprobierens haben. Dieser Sehnsuchtsort kann das Theater absolut sein, besonders wenn es „nah dran“ an den Themen der Stadtgesellschaft ist.

4. Theater in Zeiten von „Immer-noch-Corona“ bedeutet…

Durchhalten. Aber auch: sich noch mehr am Applaus erfreuen und an den begeisterten Gesichtern der Zuschauer*innen. Die Arbeit der Kunst- und Kulturschaffenden (inklusiver aller Gewerke) und das gemeinsame Erleben von Theaterabenden noch mehr wertschätzen – und sich auf die zahlreichen Highlights im Stadttheater Minden im Jahr 2022 freuen.


 

 

 

Viola Schneider ist Theaterpädagogin beim Stadttheater Minden 

 





 

(Das Interview führte Karin Detert, Bildungsbüro)

Quelle Bild 1: pixabay.com
Quelle Bild 2,3,4: Viola Schneider