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Cybermobbing - Antworten auf häufig gestellte Fragen

1. Cybermobbing - was ist das überhaupt?

Definition nach Katzer & Fichtenhauer (2007): „Cybermobbing bezeichnet die Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien, um absichtlich und wiederholt schwächere Individuen oder Gruppen von Individuen zu diffamieren oder zu schikanieren.“ Die entscheidenden Kriterien für ein tatsächliches Cybermobbing sind also (1) die schädigende Absicht, (2) die Wiederholung und (3) das Kräfteungleichgewicht zwischen Täter und Opfer.

Anwendung finden dabei nahezu alle Formen moderner sozialer Medien. Die häufigsten Arten von Übergriffen sind die „Verunglimpfung“ (also die Verbreitung von Gerüchten und Lügen per WhatsApp, Facebook und Co.) sowie die „Schikane“ (direkte Beleidigung oder Bedrohung per SMS oder soziale Medien). Weitere, aber seltenere Formen sind: „Betrug“ (Identitätsmissbrauch durch das Anlegen von Fake-Accounts o.ä.), „Verrat“ (Verbreiten von privaten Geheimnissen) oder „Ausgrenzung“ (in Chats, Foren oder bei Computer- bzw. Online-Spielen werden Betroffene aus der Gruppe ausgeschlossen).

Das Schlimme beim Cybermobbing ist, dass betroffene Schülerinnen und Schüler – anders als beim traditionellen Mobbing in der Schule – auch zuhause keinen Schutz finden. Sie können überall und rund um die Uhr belästigt und gedemütigt werden. Außerdem finden die Demütigungen und Schikanen in einer viel größeren, nämlich der digitalen Öffentlichkeit statt. Und: „Das Internet vergisst nichts“. Diffamierende Bilder oder Kommentare lassen sich nicht mehr sicher löschen und können ggf. noch nach Jahren im Internet verfügbar sein.

 

2. Wie oft passiert Cybermobbing?

Cybermobbing findet statt! Die in Studien berichteten Zahlen zur Häufigkeit in Deutschland variieren allerdings in Abhängigkeit davon, was gefragt wird. Man kann davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 20 Jahren bereits negative Erfahrungen mit Anfeindungen oder Übergriffen im Cyberspace gemacht hat (Beleidigungen oder Schikane per Internet oder Handy; Verbreitung von Lügen und Gerüchten; Ausgrenzung durch Ausschluss aus Chatgruppen oder Foren; Identitätsmissbrauch o.ä.). Für Cybermobbing im engeren Sinne (also wiederholte Übergriffe mit schädigender Absicht) liegen die berichteten Opferzahlen bei 5-10%.

Konkrete Zahlen oder Statistiken aus dem Mühlenkreis liegen uns nicht vor. Wir als „Regionale Schulberatungsstelle für den Kreis Minden-Lübbecke“ stellen aber fest: Wenn sich Schüler*innen bzw. deren Eltern heute wegen Mobbings in der Schule zur Beratung an uns wenden, haben die betroffenen Kinder und Jugendlichen fast immer auch Beleidigungen oder Ausgrenzung per Smartphone erlebt (Facebook, WhatsApp etc.). Beratung bei Mobbing hat 2017 immerhin gut 12% der Anfragen in unserer Beratungsstelle ausgemacht.

 

3. Was weiß man über das Phänomen Cybermobbing? Wer sind die Opfer, wer die Täter?

Cybermobbing als Phänomen taucht auf, sobald soziale Medien bzw. die für den Zugang notwendigen internetfähigen Endgeräte (Smartphone, Tablet, PC oder Notebook) verfügbar sind. Bereits im Grundschulbereich sind Fälle von Cybermobbing zu verzeichnen. Studien zeigen allerdings, dass die Häufigkeit mit dem Alter steigt; einige Befragungen lassen einen „Höhepunkt“ in der 8. und 9. Klasse vermuten. Außerdem gibt es Hinweise, dass Cybermobbing im Gymnasium vergleichsweise etwas seltener (aber auch!) stattfindet als unter Schüler*innen von Haupt- oder Gesamtschulen.

Schon vom "herkömmlichen" Mobbing wissen wir: Opfer kann jeder werden! Allerdings scheint das Risiko, Opfer von Cybermobbing zu werden, noch höher als beim traditionellen Mobbing. Denn: Die Anonymität des Internets senkt die Hemmschwelle für potenzielle Täter. Aufgrund der physischen Distanz nehmen die Täter zudem das Leid ihrer Opfer meist gar nicht mehr wahr. Dies setzt natürliche Hemmmechanismen außer Kraft, welche die Täter bei einer persönlichen Konfrontation mit dem Opfer und dessen Betroffenheit möglicherweise von einem Übergriff abhalten würden.

Auslöser für Cybermobbing können beispielsweise Streit oder Ärger im „realen“ Miteinander, Eifersucht oder eine beendete Liebesbeziehung sein. Manchmal ist der Auslöser aber auch ein geschmackloser Scherz oder Langeweile. Andere sehen Cybermobbing längst als Teil der Normalität oder gar als Freizeitspaß.

Entsprechend unterschiedlich sind die Täter und ihre Motive: Neben den mehr oder weniger gedankenlosen Kindern und Jugendlichen, die zu Tätern werden, gibt es demnach auch solche, die durch das Mobbing bewusst Anerkennung suchen oder sich als „cool“ profilieren möchten. Mitläufer und „Dulder“ dagegen haben eher Angst, selbst zum Opfer zu werden. Und manch ein Cybermobbing-Täter nutzt die Anonymität und Macht des Internets, um sich für selbst erlebtes (Mobbing-)Leid zu rächen (vgl. unten).

 

4. Geht Cybermobbing auch mit "realer" Gewalt (z. B. in der Schule) einher? 

Es besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen Cybermobbing und „herkömmlichen“ Mobbing! Umfragen zeigen, dass viele Cybermobbing-Opfer (60-80%) auch im realen Leben Opfer von Mobbing sind. Für die Täter zeigt sich der Zusammenhang eher noch deutlicher.

Einige Studien weisen außerdem daraufhin, dass viele Cybermobbing-Täter im realen Leben Opfer von Mobbing sind. Es wird vermutet, dass sie die Anonymität des Internets nutzen, um sich für ihr eigenes Leid zu rächen (und durchaus nicht nur an den „eigenen“ Tätern!).

 

5. Was macht Cybermobbing mit den betroffenen Schüler*innen? Wie kann man erkennen, dass Kinder und Jugendliche im "Cyberspace" oder in der Realität gemobbt werden?

Ausgegrenzt zu werden gehört zu den schlimmsten Erfahrungen bzw. Belastungen im Jugendalter. Dies gilt für Cybermobbing ebenso wie für traditionelles Mobbing. Auch wiederholte Bedrohungen oder Beleidigungen sind für die Betroffenen eine große Belastung. Beim Cybermobbing kommt erschwerend hinzu, dass die Opfer zum Teil gar nicht wissen, wer hinter den Übergriffen steckt, was die Angst und Bedrohlichkeit weiter verstärkt.

Folgen von Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern sind auf zwei Ebenen zu beobachten: (1) Auf schulischer Ebene können Konzentrationsschwierigkeiten und Leistungseinbrüche die Folge sein, teilweise verbunden mit der Angst, zur Schule zu gehen (bis hin zur völligen Verweigerung des Schulbesuchs). (2) Auf persönlicher / psychischer Ebene zeigen sich Gefühle von Einsamkeit oder Schutzlosigkeit, Traurigkeit bis hin zur Depression – und vor allem Angst. Andere Schüler*innen reagieren eher mit Wut und Aggression. Dauerhafte Stress- und Belastungszustände können zudem eine Reihe von körperlichen Symptomen und Beschwerden nach sich ziehen (wie Schlafstörungen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit). In extremen Fällen sind auch Selbstmordgedanken oder -versuche möglich. Von nicht wenigen Fällen, in denen sich Jugendliche tatsächlich das Leben genommen haben, weiß man, dass Mobbingerfahrungen vorausgingen.

Ein sicheres Erkennungsmerkmal für Cybermobbing sind alle diese Reaktionen allerdings nicht, da auch eine Vielzahl anderer Belastungen im Kindes- und Jugendalter vergleichbare Symptome zur Folge haben. Die sicherste Quelle sind letztlich die Betroffenen selbst – doch genau hier liegt das Problem: Viele Kinder und Jugendliche, die Erfahrungen mit Cybergewalt oder Cybermobbing gemacht haben, reden nicht darüber. Aus Scham oder weil sie keine „Petze“ sein wollen; aus Angst, dass sie von den Tätern bestraft werden; aus Angst, dass Ausgrenzung und Übergriffe noch schlimmer werden; aus Sorge, Eltern könnten den Internetzugang einschränken; oder einfach in dem Glauben, dass dies eben Normalität sei oder zur „Netzkultur“ gehöre. Viele betroffene Schülerinnen und Schüler meinen, es aushalten oder allein bewältigen zu müssen. Außerdem denken sie, dass Lehrkräfte und Eltern nichts gegen das Cybermobbing tun könnten, da sie diese als nicht kompetent wahrnehmen im Umgang mit dem Internet bzw. mit neuen Medien.

Studien bestätigen dies: In Umfragen berichten 30-50% der betroffenen Kinder und Jugendlichen, dass sie mit niemandem über das erlebte Cybermobbing reden. Wenn überhaupt, dann sind es meist eher gleichaltrige Freundinnen und Freunde, denen sich die Opfer anvertrauen.

 

6. Wie kann man den Betroffenen helfen? Was können Eltern und Lehrkräfte tun?

Was die Betroffenen am dringendsten brauchen, sind aufmerksame und vertrauensvolle Zuhörer: Kinder und Jugendliche brauchen erwachsene Bezugspersonen, denen sie sich anvertrauen können, wenn sie von Cybermobbing betroffen sind. Türöffner für gelingende Gespräche mit den Schülerinnen und Schüler sind:

  • Zuhören und ggf. offen nachfragen (aber kein „Verhör“)
  • Empathie und Einfühlungsvermögen; dazu gehört auch Interesse an der medialen bzw. digitalen Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen
  • Ruhe und Gelassenheit – d.h. keine vorschnellen Lösungsvorschläge oder gar Aktionen ohne Einverständnis der Betroffenen (wie Anzeige bei der Polizei, Anrufe beim Täter oder seinen Eltern etc.)
  • keine Vorwürfe, Anschuldigungen oder gar Strafen gegen die betroffenen Kinder und Jugendlichen („Ich hab doch immer gesagt, Du sollst im Internet vorsichtiger sein!“)

Tipps für Betroffene:

  • Nicht auf Beleidigungen oder Provokationen reagieren – genau das wollen die Absender!
  • Wenn das Mobben nicht aufhört: Ggf. die eigene Handynummer / E-Mail-Adresse ändern
  • Sofern die Mobber bekannt sind: aus der Kontaktliste löschen oder Kontakt blockieren
  • Ggf. Chatgruppe oder soziales Netzwerk verlassen
  • Beleidigende oder übergriffige Webseiten, Chatverläufe, Nachrichten oder Bilder sichern (speichern / kopieren), damit das Mobbing nachgewiesen und der Absender ermittelt werden kann
  • Wenn nötig: Die Polizei einschalten!

Das Wichtigste aber ist, dass sich betroffene Schülerinnen und Schüler Unterstützung holen! Bei Eltern oder anderen vertrauten Verwandten; bei Lehrkräften (Klassenlehrer*in, Vertrauens- oder Beratungslehrer*in, „Lieblingslehrer*in“) oder Schulsozialarbeit; oder bei Beratungs- oder sonstigen Anlaufstellen, die vertraulich Rat und Unterstützung bieten. Dazu zählen auch:

 

7. Wie wird mit (Cyber-)Mobbern umgegangen?

Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da die Täter gar nicht immer ausgemacht werden können. Aufgrund der physischen Distanz nehmen die Täter häufig nicht einmal mehr das Leid ihrer Opfer wahr. Dies setzt natürliche Hemmmechanismen außer Kraft, welche die Täter bei einer persönlichen Konfrontation mit dem Opfer und dessen Betroffenheit möglicherweise von einem Übergriff abhalten würden.

Wenn die Täter jedoch eindeutig identifiziert werden können, ist der Umgang mit ihnen unterschiedlich. Besteht der Verdacht auf strafrechtlich relevante Vergehen und haben die Betroffenen Anzeige
erstattet, kommt es zu einer polizeilichen Ermittlung und ggf. einem Strafverfahren. Ansonsten obliegt es letztlich den Eltern, auf ihre Kinder erzieherisch einzuwirken. Typisch ist, dass in unserer Beratungsstelle in der Regel die Eltern der Opfer von (Cyber-)Mobbing Hilfe suchen, nicht aber die Eltern der Täter – obwohl Rat und Unterstützung im Umgang mit derartigem Fehlverhalten sicherlich sinnvoll wären.

Bleiben die Schulen: Hier gibt es z. T. noch unterschiedliche Auffassungen dazu, ob das Thema Cybermobbing überhaupt in den Verantwortungsbereich von Schule gehört. Immer mehr Lehrkräfte und Schulen stellen sich jedoch dem Thema und sind bemüht, Vorfälle von Cybergewalt zwischen Schülern einer Klasse oder Schule auch im schulischen Kontext aufzuarbeiten (zumal wir heute wissen, wie groß der Zusammenhang von Cybermobbing und „klassischem“ Mobbing in der Schule ist). Das bedeutet auch, bei Bekanntwerden der Täter pädagogische Maßnahmen zu ergreifen und auf ein Unterlassen hinzuwirken. Dabei ist jedoch umsichtiges Handeln geboten: Wie bereits beschrieben, sind einige Cybermobber selbst Opfer von Mobbing geworden, und es gilt, trotz deutlicher Botschaft („(Cyber-)Mobbing jetzt stoppen!“) ohne persönliche Abwertung des Täters Lösungen und ggf. angemessene Konsequenzen zu finden.

 

8. Was kann präventiv getan werden, um mehr Bewusstsein unter den Schülern zu schaffen und Cybermobbing bereits im Vorfeld zu unterbinden?

Cybermobbing ist Gewalt. Die Prävention von Cybermobbing sollte deshalb in eine Gesamtstrategie zur Gewaltprävention eingebettet sein. Hier sind vor allem die Schulen gefragt – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass Cybermobbing und "herkömmliches" Mobbing in engem Zusammenhang stehen. Effektive Gewaltprävention umfasst:

  • Förderung der Empathiefähigkeit und sozialen Kompetenz von Schülerinnen und Schülern durch entsprechende Lern- und Erfahrungsangebote
  • Schaffung eines sozialen Klimas von Wertschätzung, Achtsamkeit und Respekt
  • Aufbau eines funktionierenden „Beschwerdemanagements“ in der Schule (Schüler*innen brauchen vertrauensvolle erwachsene Ansprechpartner!)
  • Beteiligung von Eltern und Schüler*innen bei der Entwicklung eines Verhaltenskodexes für den realen und digitalen Umgang miteinander

Die spezifische Prävention von Cybermobbing braucht außerdem:

  • Förderung der Medienkompetenz
  • Information und Aufklärung zum Thema Mobbing und Cybermobbing für Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern und Lehrkräfte!

  

Quellen (u.a.):

  • Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Landesstelle Nordrhein-Westfalen e.V. (Hrsg.)(2012). CyberMobbing. Informationen für Eltern und Fachkräfte. Essen: Drei-W-Verlag.
  • www.klicksafe.de
  • Pieschl, S. & Porsch, T. (2014). Cybermobbing unter deutschen Schülerinnen und Schülern: Eine repräsentative Studie zu Prävalenz, Folgen und Risikofaktoren. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, S. 7-22.