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22.08.2019

»Nicht wissen wollen ist die bedingungslose Kapitulation!«

Jugendliche aus dem Kreisgebiet besuchen „Dachs 1“

Wer mit dem Auto die Hausberger Straße in Porta Westfalica entlangfährt, übersieht sie meist: eine kleine Metalltür, die in den Jakobsberg führt. Der dahinterliegende Stollen, genannt „Dachs 1“, ist von 1944 bis 1945 von KZ-Häftlingen des Außenlagers Neuengamme ausgebaut worden. Der Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica e.V. bietet seit 2016 Führungen dort an. Um Jugendliche aus dem Kreisgebiet über die Geschichte des Stollens zu informieren, hat Dörte Heger von der Jugendförderung des Kreis Minden-Lübbecke eine Stollenbesichtigung unter der Führung von Historiker Thomas Lange, Geschäftsführer des Portaner Vereins, organisiert. „Projekte zur Erinnerungskultur finden in der Regel weit entfernt vom Kreisgebiet statt. Auch hier im Mühlenkreis gibt es Erinnerungsorte, die aber weniger bekannt sind“, sagt Heger. Teilgenommen an der Führung haben rund 20 Jugendliche aus den Jugendzentren Lifehouse in Stemwede, Ilex in Hüllhorst und dem CVJM aus Lübbecke.

Die Jugendlichen waren im Vorfeld über die Möglichkeit einer Führung informiert worden und haben sich aus eigenem Interesse heraus angemeldet. „Die Teilnahme war freiwillig und zeigt, dass die Jugendlichen sich mit der Thematik beschäftigen und an Informationen zur Geschichte des Zweiten Weltkrieges in ihrer unmittelbaren Umgebung interessiert sind“, sagt Heger. Um die Möglichkeit zu haben, über das Gesehene und Gehörte zu sprechen, wurden die Jugendlichen durch Mitarbeitende der Jugendeinrichtungen während der Führung und im Anschluss begleitet.

Die Arbeits- und Haftbedingungen in Lager und Stollen beschreibt Lange während seiner Führung als grausam und menschenunwürdig. In den riesigen Stollenräumen zu stehen und sich vorzustellen, dass Menschen hier geschuftet haben, sei für die Jugendlichen nicht vorstellbar gewesen, sagt Franziska Homann von der Jugendförderung der Gemeinde Hüllhorst. Der Besuch eines Kriegsschauplatzes in unmittelbarer Nähe ihres Wohnortes habe erfahrbar gemacht hat, dass der zweite Weltkrieg nicht weit entfernt stattgefunden hat sondern auch hier vor Ort. „Eine Mutter rief am folgenden Tag an um mir zu sagen, dass der Ausflug bei ihren Kindern einen sehr bleibenden Eindruck hinterlassen habe und viel darüber erzählen würden.“ 

Jugendförderung im Kreis Minden-Lübbecke

Die  Kinder- und Jugendförderung im Kreis Minden - Lübbecke bietet zur Förderung und Entwicklung junger Menschen ein breites Programm an. Ziel der Jugendförderung ist dabei auch, jungen Menschen im Rahmen von politischer Bildungsarbeit die Auseinandersetzung mit dem Thema Erinnerungskultur zu ermöglichen. Hierzu lädt die Jugendförderung regelmäßig zu Veranstaltungen für Jugendliche ein. Zuletzt gab es eine Fahrt nach Berlin, bei der unter anderem die Blindenwerkstatt Otto Weidts besucht wurde, eine Filmvorführung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht oder ein Projektwochenende zum Ersten Weltkrieg im Amtsgericht Petershagen.

Der Stollen im Jakobsberg

Das Projekt „Dachs I“ war einer von vielen Versuchen während des zweiten Weltkriegs kriegswichtiges Material, in diesem Falle Mineralöl, durch eine Untertageverlagerung vor Luftangriffen zu schützen. Ab März 1944 wurde der Sandsteinstollen im Jakobsberg daher weiter ausgebaut. Von März 1944 bis zur Befreiung im April 1945 wurden ca. 3.000 KZ-Häftlingen des Lagers Neuengamme in Porta interniert zur Arbeit im Stollen gezwungen. Die Gesamtzahl der in Porta ums Leben gekommenen Häftlinge ist schwer zu ermitteln, über 100 sind in offiziellen Unterlagen genannt. Schätzungen gehen von mindestens 250 bis 500 Toten aus. „Dass es auch hier in Porta Westfalica ein KZ Außenlager und Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges gab, wissen viele gar nicht“, sagt Lange. Erst ab Anfang der 1980er Jahre sei die Geschichte des Lagers intensiver aufgearbeitet worden. Neben Historikern hatten sich Schülerinnen und Schüler des städtischen Gymnasiums Porta Westfalica in einem Projekt näher mit den Zeitzeugenberichten dort inhaftierter Häftlinge beschäftigt und damit den Anstoß zur Erinnerungsarbeit rund um das KZ-Außenlager in Porta gegeben. 1992 ist in der Nähe des Stollens ein Mahnmal, entworfen von dem Künstler Dietmar Lehmann, aufgestellt worden. „Nicht wissen wollen ist die bedingungslose Kapitulation!“, steht darauf geschrieben. Das Zitat stammt von Pierre Bleton, ein damals internierter Häftling aus Frankreich.

Der Verein

Der 2009 gegründete Verein KZ-Gedenk- und Dokumentationsstätte Porta Westfalica e.V. hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des KZ-Außenlagers in Neuengamme an der Porta Westfalica aufzuarbeiten und darüber zu informieren. Dafür sammelt der Verein Dokumente, Zeitzeugenaussagen und Literatur im Zusammenhang mit dem KZ-Außenlager. Auf der Homepage https://www.gedenkstaette-porta.de/ sind Zeitzeugenberichte, Informationen über die Lager und Projekte des Vereins zu finden. Seit 2016 bietet der Verein in den Sommermonaten Führungen im Stollen „Dachs 1“ an. Oberirdische Führungen sind ganzjährig möglich. Langfristiges Ziel des Vereins ist es, eine Gedenkstätte für die Opfer der KZ-Außenlager in Porta Westfalica einzurichten. „Eine aktive Erinnerungsarbeit wird dazu beitragen, Demokratie und Menschlichkeit zu bewahren“, heißt es dazu seitens des Vereins.

Foto (Janine Küchhold/Kreis Minden-Lübbecke): Die Jugendlichen vor dem Mahnmal des Künstlers Dietmar Lehmann

 

Autor/in: Janine Küchhold